8.1.2006
Egal, was sie wünschen – Berliner müssen in der Regel länger
dafür Schlange stehen als andere in Deutschland. Und am Ende zahlen sie mehr
oder gehen gar leer aus. Kredite sind für viele Firmen und Verbraucher aus
Berlin teurer. Auch bei telefonischen Anfragen hängen Bewohner der Hauptstadt
in der Regel länger in der Warteschleife als Kunden aus München. In
finanzschwachen Teilen der Stadt, etwa in Wedding oder Neukölln, müssen
Verbraucher sogar damit rechnen, dass Angebote von Versandhäusern und
Internethändlern für sie nur gegen Vorkasse gelten. Bisweilen werden sie
überhaupt nicht beliefert. Auch wenn sie genug verdienen und bisher alle
Rechnungen pünktlich bezahlt haben – nur weil sie in der falschen Gegend
wohnen.
Dass Berliner schlechter bedient werden als Kunden aus Wachstumsregionen, ist
der Wirtschaftskrise in der Stadt geschuldet. Berlin ist bundesweit Spitze bei
der Zahl der Insolvenzen und überschuldeten Haushalte. Deshalb bekam die Stadt
im „Regionencheck“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform den „Risiko-Indikator
3,62“. Für Geschäfte mit Berliner Firmen gilt ein „hohes Ausfallrisiko“, das
weit „über dem Durchschnitt in Deutschland (2,51 Prozent)“ und noch über dem
Schnitt in ostdeutschen Regionen liegt. Creditreform empfiehlt Firmen,
potenzielle Kunden in Berlin nur mit spitzen Fingern anzufassen. Für Berliner
Geschäftsleute und Verbraucher bedeutet das: Weil sie als Risikogruppe gelten,
zahlen sie mehr und werden schlechter bedient.
Die meisten privaten Verbraucher erfahren davon nichts. „Online-Banken
begründen nicht, weshalb sie einen Kreditantrag ablehnen“, sagt
Finanzierungsexperte Max Herbst. Er hat wiederholt Kunden trotz guter Bonität
und bester Zahlungsmoral die Billigkredite der Online-Banken nicht vermitteln
können. Die Antragsteller waren in einem „Scoring-System“ durchgefallen. Darin
werden alle Bewohner Deutschlands anhand von Merkmalen in bis zu acht
Risikoklassen eingeteilt: Wer einmal Zinsen oder Rechnungen nicht bezahlt hat
und dadurch bei der Auskunftei Schufa eingetragen wurde, rutscht in die
K.o.-Kategorie. Davon sind überdurchschnittlich viele Berliner betroffen: Fast
13 Prozent haben einen Schufa-Eintrag, in der übrigen Republik sind es nur
sieben Prozent. Auch bei der Mehrheit der „unauffälligen“ Verbraucher gilt der
Wohnort Berlin als „Risikomerkmal“.
Bei der Berliner Verbraucherzentrale ist das Phänomen bekannt. Den besonders
billigen Kredit einer Bank erhielten nur Menschen, die besonders gute Merkmale
aufweisen, sagt Frank Weide. Alle anderen zahlen leicht fünf Prozent extra. Einigen
werde der Kredit komplett verweigert.
Diese Behandlung hat Methode. „Das ist gängige Praxis“, sagt der
Scoring-Experte Thilo Weichert. Für den Leiter des Unabhängigen Landeszentrums
für Datenschutz in Schleswig-Holstein ist das nicht nur ungerecht, sondern auch
illegal: „Das Bundesdatenschutzgesetz verbietet es, Kreditentscheidungen von
Score-Werten abhängig zu machen. Doch daran halten sich viele nicht.“
Das Scoring hat die Verbraucher in eine Klassengesellschaft aufgeteilt. Die
Folgen erfährt man bei Service-Hotlines: Wer dort anruft, wird anhand von Vor-
und Durchwahl automatisch entsprechend seiner mutmaßlichen Zahlungskraft in die
Warteschleife eingereiht. Viele Berliner landen da regelmäßig ganz hinten.