9.8.2006
Diese Pläne sollten eigentlich geheim bleiben: Kurz nach der
Wahl beginnt der große Ausverkauf von Immobilien bei der landeseigenen
Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). Makulatur wäre damit das Wahlversprechen
der PDS, wonach es keine weitreichende Privatisierung landeseigener
Wohnungsbestände geben wird. Auch die SPD-Fraktion hatte einen Verkaufsstopp
für öffentliche Wohnungen gefordert. Doch nun sind sogar Insider überrascht vom
Ausmaß des Ausverkaufs bei der WBM: Deren Wirtschaftsplanung rechnet allein im
kommenden Jahr mit Einnahmen in Höhe von 570 Millionen Euro durch Verkäufe –
bis 2010 sollen es 750 Millionen werden.
Dem Senat sind diese Pläne bekannt. Die Verwaltungen für Finanzen und für
Stadtentwicklung sitzen im Aufsichtsrat der WBM. Das Kontrollgremium muss der
Wirtschaftsplanung zustimmen. Und die Planung enthält noch eine weitere bittere
Pille für das Land: Berlin soll der Firma außerdem noch mit Millionen
aushelfen, weil der Ausverkauf nicht reichen wird, um die WBM wieder auf Kurs
zu bringen. „Sanierungsbeiträge des Gesellschafters“ nennen das die
Wirtschaftsprüfer der WBM, die Domus Revision.
In dem Papier der Prüfer, das dem Tagesspiegel vorliegt, summieren sich die
„Sanierungsbeiträge“ des Landes auf über 54 Millionen Euro bis zum Jahr 2010.
Die WBM bestätigte dies auf Anfrage, wobei aber nicht die gesamte Summe einen
„Zuschuss oder Verzicht des Landes Berlin darstellt“. Die Wirtschaftsprüfer
dagegen schreiben, das Land „verzichte“ auf „Kaufpreismehrerlöse aus
Sanierungsgrundstücken“. Auch Zahlungen an die landeseigene Investitionsbank
Berlin sollen wegfallen. Diese Sanierungsbeiträge sind aber bisher noch nicht
mit dem Land abgestimmt, schreiben die Prüfer.
Arne Schneider, Büroleiter von Finanzsenator Thilo Sarrazin, sagte: „Wir gehen
weiterhin davon aus, dass die WBM durch den bereits beschlossenen Verkauf von
3000 Wohneinheiten ihr Sanierungsziel erreicht.“ Bei der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung hieß es, „dass nicht mehr als 15 000 Wohnungen verkauft werden
müssen zur Sanierung der WBM“, so Manuela Damianakis. Die bei ersten Verkäufen
erzielten Preise seien hoch gewesen. Rund 28 000 Wohnungen hatte die WBM Ende
2005 im eigenen Bestand. Ziel des Sanierungsplans sei die Erhaltung der WBM als
Gesellschaft.
„Das läuft praktisch auf die Liquidierung der WBM hinaus“, sagt dagegen Jochen
Esser, finanzpolitischer Sprecher der Grünen zu den Plänen. Wenn erst einmal
Wohnungen im Wert von rund 750 Millionen Euro verkauft seien, bleibe von der
WBM nicht viel übrig. Esser wirft PDS und SPD „Wahlbetrug“ vor: Der Senat habe
stets beteuert, keine weiteren landeseigenen Wohnungen verkaufen zu wollen.
„Der Kurs des Senats ist unzumutbar für Mieter, Geschäftsführer und Mitarbeiter
der WBM“, sagt Alexander Kaczmarek (CDU). Im Aufsichtsrat stimme der Senat
Wohnungsverkäufen zu, bestreite dies aber öffentlich. Im Abgeordnetenhaus hatte
der finanzpolitische Sprecher der CDU dem Senat eine förmliche „Anfrage“ zur
WBM-Sanierung gestellt, eine Antwort erhielt er bis heute nicht. Seine
Erklärung: „Das Ding sollte nicht vor der Wahl hochgehen.“