17.6.2006
Die schwere Tür schnappt ins Schloss. Von außen wird der
Schlüssel umgedreht. Dann beginnt das Martyrium der Beschuldigten: 23 Stunden
am Tag sind sie hier gefangen, nur eine Stunde dürfen sie aus der Zelle. Die
Untersuchungshäftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) können nichts aus
eigenem Antrieb tun. Der Alltag ist ausgelöscht, es gibt keine Ablenkung. Diese
Situation stürzte dieses Jahr offenbar schon mehrere Häftlinge in die Krise.
Sie verzweifelten. Als einziger Ausweg erschien ihnen der Tod.
Um 8.55 Uhr gestern Morgen wurde der 34 Jahre alte Andreas P. in einer Zelle
der Justizvollzugsanstalt Moabit tot aufgefunden. Er hatte sich am Fensterkreuz
erhängt. Der saß seit dem 24. Juli vergangenen Jahres in Untersuchungshaft.
„Schwerer Menschenhandel“ wurde ihm vorgeworfen. Das Gerichtsverfahren lief.
Ein Urteil war nicht gefallen. Für Andreas P. galt die „Unschuldsvermutung“.
Bei der Senatsverwaltung für Justiz heißt es, niemand habe Anhaltspunkte für
eine „Suizidgefährdung“ gehabt.
Andreas P. ist schon der sechste Häftling, der dieses Jahr in einem Berliner
Gefängnis Selbstmord begangen hat. So viele Fälle gab es 2005 im ganzen Jahr.
Vor sechs Jahren war die Zahl der Suizide in Berliner Haftanstalten schon
einmal sprunghaft angestiegen: neun Fälle hatte es bis Ende 2000 gegeben. Auch
2006 verging bisher kein Monat, ohne dass ein neuer Fall bekannt wurde. Fast
jede Meldung endete mit dem lapidaren Satz: „Anhaltspunkte für eine
Suizidgefahr hatte es nicht gegeben.“
So auch am 12. Mai, als sich der 24-jährige Pawel G. das Leben nahm. Auch er
saß in Moabit, wegen des Verdachts einer gefährlichen Körperverletzung. Nur
eine Woche zuvor hatte sich der 28-jährige Aamir C. selbst gerichtet. Nach
eineinhalb Monaten Untersuchungshaft. „Nötigung“ wurde ihm vorgeworfen und
Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.
„Haft ist grundsätzlich nicht einfach, aber Untersuchungshaft ist das
Schlimmste, was einem begegnen kann,“ sagt die katholische Seelsorgerin Elke
Härtl. Aus dem Leben gerissen, in eine kleine Zelle gesperrt, würden die
Häftlinge ihre Identität verlieren. Das treibe manchen in den Selbstmord. Elke
Härtl kannte Andreas P.. „Es gäbe viel zu sagen“, meint sie –möchte über die
Person des Häftlings jedoch nichts sagen. Gero Meinen, Abteilungsleiter
Justizvollzug beim Senat, sagt: „Mit jedem Gefangenen wird ein Eingangsgespräch
geführt.“ Bei Anzeichen auf eine Suizidgefährdung bekomme der Betreffende einen
Zellennachbarn. „Wenn wir aber nichts erkennen, sind Suizide nicht
auszuschließen“, sagt Meinen. Dass die Haftbedingungen für die Selbstmorde
verantwortlich sein könnten, schließt er aus.
Der Leiter der JVA-Moabit, Wolfgang Fixson, sagt: „Eine Arbeitsgruppe aus
Psychologen und Soziologen prüft jeden Fall, um Selbstmorden vorzubeugen.“ Man
sei aber sehr auf Hinweise von Verwandten angewiesen: Lässt sich die Frau
„draußen“ scheiden zum Beispiel, dann könne dies eine Kurzschlussreaktion
auslösen.