26.9.2006
Er ist unauffällig, aber in elegantes schwarzes Tuch gekleidet. Trotzdem trägt er keinen Frack und keine weißen Handschuhe. Die Insignien eines Butlers hat Simon Graf noch nie angelegt. Auch wenn er dieselben Dienste verrichtet. Aber Butler gibt es im Grand Hyatt-Hotel nicht. Und auch nicht im Ritz-Carlton. Nur Ricardo, im Hotel Adlon, hält die Tradition noch hoch. Wie lange noch?
"Die Gäste reisen nicht mehr mit riesenhaften Marlene-Dietrich-Koffern an und wünschen fast nie eine Dauerbetreuung", sagt Graf. Den meisten sei dies sogar lästig. Vor allem den Stars. Sie wollten auf kurzen Wegen diskret ins Hotel - und ebenso wieder heraus. Alles andere übernähmen meistens deren eigene persönliche Betreuer - mit Hilfe von Graf.
Zum Beispiel die Buchung von Hotel und Limousine in Kuala Lumpur. Oder ein Helikopter- Flug auf die Zugspitze. Weil die Kinder in ihrem ganzen Leben noch keinen Schnee gesehen haben. Graf kümmert sich aber auch um schlichtere Bedürfnisse: Die Versiegelung der Hotel-Fenster mit schwarzer Folie, weil der Gast keine Sonne im Zimmer mag.
Graf macht alles möglich - fast. Ein Wunsch bleibt sogar den ganz Reichen unerfüllt: Mit dem Hubschrauber auf dem Hotel-Dach zu landen. Schon so mancher habe danach gefragt - und wenn nicht auf dem Dach, dann bitte auf dem Potsdamer Platz. Doch das lassen die Behörden nicht zu: Die Straßen müssten gesperrt werden und zerberstende Scheiben zögen unkalkulierbare Risiken nach sich. Graf schaut fast etwas traurig, als er sagt: "Wenigstens ist der Weg vom Flughafen Tempelhof zum Hotel kurz."
Kurze Wege und die Möglichkeit, im Hotel alles so anzutreffen wie sonst auch, das steht für die Gäste vieler Tophotels heute offenbar im Mittelpunkt. Und Butler zählen heute eben nur noch ganz selten zum Alltag der allermeisten von ihnen - egal, ob Topmanager, Musiker oder Politprofis.
Dagegen ist Ernährung besonders wichtig. Die deutsche Nationalmannschaft zum Beispiel beanspruchte Platz in der Hotelküche, weil ihre Köche eine spezielle Sportlerkost zusammenstellen - und "um den eigenen Zaubertrank zu mixen", sagt Graf.
Die Küche ist in Hotels allgemein sehr wichtig: Jüdische Gäste zum Beispiel verlangen koscheres Essen. Das betrifft zum einen die Lebensmittel. Aber in einem Fall auch silbernes Besteck, vom Rabbi geweiht, das nach dem Aufenthalt wieder verschweißt auf Reisen ging. Arabische Gäste wollen Speisen aus der Botschaftsküche. Weil diese dort von Landsleuten zubereitet werden und deshalb auch ganz gewiss so schmecken wie zu Hause.
Da das Essen für viele Gäste der Spitzenhotels entscheidend ist, gehören zu den großen Suiten auch kleine Küchen. Bei Bedarf stellt das Hotel auch einen Koch ab. Und nach diesem wird häufiger gerufen als nach dem Butler.
Dennoch ist in einigen Spitzenhäusern wie dem Ritz-Carlton immer noch von Butlern die Rede: Vom "Bade-Butler", "Dog-Butler" oder vom "Technology-Butler". Die einen beraten bei der Auswahl des Pflegebades, andere führen den Hund aus oder helfen beim Einloggen ins hoteleigene W-Lan. "Wir haben sogar Fahrrad-Butler, die unsere Gäste auf Ausflügen begleiten", sagt Susan Bäthge. Viele dieser "Spezialisten" gehören allerdings nicht zum Stammpersonal - diese "Butler" sind moderne Dienstleister und werden bei Bedarf eingekauft.
Und was sagt einer der letzten seiner Zunft über seine Aufgabe? "Wir sind sehr nahe am Gast dran, 24 Stunden lang", erzählt Ricardo Dürner. Deshalb, so der Butler im Hotel Adlon, komme es auf die richtige Balance an, "damit sich der Gast wohl fühlt".
Eigentlich verdankt Ricardo, wie er im Hotel genannt wird, seinen Job einem Zufall. Ursprünglich arbeitete er im Veranstaltungsbereich. Um die 8500 Euro teure Präsidentensuite zu vermarkten, sollten den Gästen aber ganz besondere Dienste angeboten werden. Die Limousine mit Chauffeur zum Beispiel - und eben der Butler.
Eine Ausbildung als Butler hat Ricardo nicht genossen. Dafür arbeitet der gelernte Hotelbetriebswirt seit 20 Jahren in der Branche. Die größte Herausforderung als Butler: "Da sein und doch nicht da sein", sagt er.
Im Fall des Adlon hat sich der Butler-Dienst bewährt. Vielleicht liegt das aber auch am grundverschiedenen Selbstverständnis der Hotels: Das Adlon knüpft mit historisierender Architektur an die eigene Tradition an - und ein Luxushotel des frühen 20.Jahrhunderts ist ohne Butler undenkbar. Für das Hyatt dagegen weist nicht nur die puristische Architektur in die Zukunft: Das Durchschnittsalter der Gäste beträgt 38 Jahre; das der Belegschaft liegt drei Jahre darunter. Und für die Mitglieder der Teenieband "Tokio Hotel", gern gesehene Gäste im Hyatt, wäre ein Butler wohl geradezu abschreckend, meint Graf.
Dessen Arbeitsweise lehnt er deshalb aber nicht ab: "Sehen Sie, das ist die Aufgabe eines Butlers", sagt er und hilft dem Reporter beim Abschied in die Jeans-Jacke.